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02.01.2019

Vom Ringen um den Schulabschluss

Förderzentrum Rummelsberg feierte 50-jähriges Bestehen

Rummelsberg – Christine Singer, Rektorin am Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung in Rummelsberg, kann viele Geschichten erzählen. Geschichten von Schülern, die einen schwierigen Start ins Leben hatten, deren Eltern sich nicht um sie kümmern konnten, die schon im Kindergarten durch ihr Verhalten auffielen und schließlich ans Förderzentrum der Rummelsberger Diakonie kamen. Christine Singer kann aber auch Geschichten erzählen von Schülern, die es geschafft haben. Die sich durchgebissen haben und nun fest im Leben stehen. So wie die Geschichte von Manuel, der eigentlich anders heißt.

Manuel war das, was man unter „verhaltensauffällig“ versteht. Er verweigerte sich im Unterricht, besonders bei Schulaufgaben. Er hatte Schwierigkeiten beim Lesen und teilte sich lautstark mit, wenn ihm etwas nicht passte. „Es gab viele Auseinandersetzungen“, erinnert sich Christine Singer, die Manuel in der 5. Klasse unterrichtete. Oft wurde es laut.

Manuel beendete die Schule am Förderzentrum und Christine Singer hörte lange nichts von ihm – bis es eines Tages an der Tür klopfte und Manuel mit seiner Freundin davor stand. Er hatte seine Ausbildung zum Maler abgeschlossen und zeigte stolz seinen Gesellenbrief. „Das hätte ich nicht gedacht“, sagt Christine Singer. „Es war ein ständiges Ringen hier in der Schule und in der Wohngruppe am Jugendhilfezentrum, in der Manuel lebte“, so die Rektorin. Doch Manuel nahm in der Zeit viel mit und zeigte, was er konnte. Seinen späteren Ausbildungsbetrieb überzeugte er bei einem Praktikum.

Am Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung lernen derzeit 140 Kinder und Jugendliche. Viele leben in Wohngruppen im Jugendhilfezentrum Rummelsberg, andere besuchen dort die Heilpädagogische Tagesstätte. Da sich die Wohnangebote im Jugendhilfezentrum vorwiegend an Jungen wenden, sind auch die Schüler größtenteils männlich. „Aktuell sind acht Mädchen an der Schule“, sagt Rektorin Christine Singer. Die Jugendlichen können am Förderzentrum den Mittelschulabschluss sowie den qualifizierenden Mittelschulabschluss machen. Außerdem bietet das Förderzentrum den Förderschwerpunkt Lernen an.

„Das Ziel ist, dass die Jugendlichen an eine Regelschule zurückkehren“, sagt Rektorin Singer. So sind die Schülerinnen und Schüler im Schnitt nur zwei Jahre in Rummelsberg. Der Unterricht gleicht dem an anderen Schulen, der Lerninhalt ist identisch. Die Klassengröße ist allerdings kleiner. Maximal zwölf Schüler werden gemeinsam unterrichtet. Außerdem sind mindestens während der Hälfte der Unterrichtszeit zwei Lehrkräfte in der Klasse, ein Sonderpädagoge und ein heilpädagogischer Förderlehrer. „Wir können dadurch intensiv auf die Kinder eingehen und sie individuell fördern“, sagt Singer. Hinzu kommen spezielle Förderstunden, in denen die Jugendlichen zum Beispiel Konzentrationsübungen machen oder ein Lese-Rechtschreib-Training besuchen. „Seit einem halben Jahr bieten wir einen Boxenstopp an“, erzählt Singer. Wenn Kinder im Unterricht Schwierigkeiten haben, können sie zu einer Entspannungstherapeutin gehen und Entspannungstechniken üben.

„Oft müssen wir bei den Basics anfangen, die ein Lernen überhaupt erst möglich machen“, sagt Singer, „zum Beispiel über einen längeren Zeitraum sitzen zu bleiben“. Die Lehrkräfte schauen ganz individuell, was jeder Schüler braucht und versuchen, ihnen das nötige Handwerkszeug für ihr weiteres Leben mitzugeben. „Wir hatten einen Jungen hier in der 3. und 4. Klasse der hochaggressiv war“, erzählt Singer, „jetzt besucht er das Gymnasium“. Der Junge wohnt noch in Rummelsberg, dadurch trifft Christine Singer in gelegentlich. „Er erzählt mir dann immer, welch gute Noten er in Latein schreibt“, freut sich seine ehemalige Lehrerin.

Es sind Geschichten wie diese, die die Lehrkräfte am Förderzentrum motivieren und zeigen, wie wichtig ihre Arbeit ist – und das seit 50 Jahren. Die Schule feierte im vergangenen Jahr Jubiläum. Dafür, dass es weiterhin solche Erfolgsgeschichten gibt und die Rahmenbedingungen verbessert werden, setzt sich das Förderzentrum der Rummelsberger Diakonie zusammen mit anderen Förderzentren und der Evangelischen Schulstiftung ein. „Wir haben hier Kinder und Jugendliche mit teils schwierigsten psychischen Problemen, aber die gleichen Bedingungen wie 1990“, sagt Singer. Deshalb fordern die Schulen, dass die Klassengrößen verringert werden und immer zwei Lehrkräfte in der Klasse sind. Die Projektgruppe erstellt dazu derzeit ein Arbeitspapier. Bis Juli 2019 soll es fertig sein. Dann werden es Vertreter der Schulträger an das Kultusministerium übergeben.


Von: Claudia Kestler

Derzeit lernen 140 Mädchen und Jungen am Förderzentrum Rummelsberg. Die Lehrkräfte gehen individuell auf jedes Kind ein. Foto: Simeon Johnke