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26.07.2021

„Ankommen“ – Biografiearbeit in der Jugendhilfe

Rummelsberger Jugendhilfe in Nördlingen beteiligt sich an Studie zu „Ankommen“ - einem Gruppenprojekt zur Biografiearbeit in der Jugendhilfe

Nördlingen – In der Betreuungsarbeit von Senior*innen ist Biografiearbeit schon seit einigen Jahren angekommen. „Aber auch für stationär betreute Jugendliche ist es wichtig, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzten“, sagt Diakon Thomas Adler, Bereichsleiter der stationären Kinder- und Jugendhilfe Südbayern der Rummelsberger Diakonie. Kinder und Jugendliche, die stationär betreut werden, müssen meist viele und schwere Herausforderungen meistern: Neben Problemen mit der Familie, sind viele der jungen Menschen sozial auffällig und haben oft keinen familiären Rückhalt. Die Unterbringung in einer stationären Jugendhilfe kann zusätzlich zu einer Identitätskrise führen. Biografiearbeit kann hier helfen – sie ist eine bewährte Methode, die sich zur Bewältigung von Krisen in der Lebensgeschichte eignet.

 „Als das Universitätsklinikum Ulm Ende 2019 die Projektstudie 'Ankommen' zum Thema Biogragiearbeit startete und kooperierende Jugendhilfeeinrichtungen suchte, waren wir deshalb sofort dabei“, so Adler. Insgesamt beteiligen sich 13 Jugendhilfeeinrichtungen aus Bayern und Baden-Württemberg. Anfang 2020 startete die Rummelsberger Diakonie in Nördlingen mit einer ersten Gruppe von vier Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 Jahren und zwei Mitarbeiter*innen. Zuerst mussten die vier Mädchen und Jungen einen Fragebogen ausfüllen, der direkt im Anschluss ausgewertet wurde. Dieses sogenannte Clearing fand in der Kinder und Jugendpsychatrie des Universitätsklinikums Ulm statt. „Die Ärzte und Therapeutinnen sind alle sehr achtsam und aufmerksam mit den Jugendlichen und ihren Antworten umgegangen“, berichtet der Diakon. Anschließen trafen sich die jungen Menschen und Mitarbeitenden über einen Zeitraum von acht Wochen wöchentlich zu einer Biografie-Sitzung. Diese Gruppensitzungen sind in drei Phasen gegliedert und bauen aufeinander auf.

  • Die erste Phase dient der Vorbereitung. Den Jugendlichen wird fundiertes Wissen über Gründe, Ziele und Abläufe von Fremdunterbringungen vermittelt.
  • Der Fokus der zweiten Phase liegt auf der Biografiearbeit. In den Sitzungen sprechen die Jugendlichen und Mitarbeitenden insbesondere über die Zeit kurz vor, während und nach dem Einzug in ihre Wohngruppe. Außerdem besprechen sie aktuelle und relevante Themen der Jugendlichen.
  • In der dritten und letzte Phase sprechen die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen und entwickeln gemeinsam positive Zukunftsperspektiven.

„Wir haben schon sehr bald positive Auswirkungen bei den teilnehmenden Jugendlichen festgestellt“, berichtet Thomas Adler. Sowohl bezüglich des Selbstvertrauens und Wohlbefindens, also auch im Umgang mit schwierigen emotionalen Situationen sei dies zu spüren gewesen.  „Alle sind regelmäßig zu den Treffen erschienen, was überhaupt keine Selbstverständlichkeit für unsere Kinder und Jugendlichen ist“, berichtet der Sozialpädagoge. Die Jugendlichen seien seither auch im normalen Wohngruppenalltag deutlich offener und bereit zur Beteiligung, wovon alle profitierten.

Zum Abschluss der Projektphase müssen die Teilnehmer*innen abermals einen Fragebogen ausfüllen – die Erkenntnisse daraus werden jedoch erst nach Ende der Projektstudie im Frühjahr 2022 veröffentlicht.

Aus Nördlingen haben mittlerweile acht Jugendliche in zwei Gruppen an „Ankommen“ teilgenommen, eine dritte Gruppe ist für den Herbst geplant. Und obgleich noch keine konkreten Studien-Ergebnisse vorliegen erleben die Pädagog*innen der Rummelsberger Wohngruppen die Teilnahme schon jetzt als Erfolg. Die Jungen und Mädchen aus den Biografie-Gruppen sind zu neuen Peergroups zusammengewachsen und treffen sich seither regelmäßig, obgleich sie unterschiedlichen Alters sind und auch in verschiedenen Wohngruppen leben. „Sie unterstützen sich gegenseitig, sind füreinander da und haben Vertrauen in die Pädagog*innen – das wünschen wir uns für alle unsere Jugendliche; wir werden die Biografiearbeit auf jeden Fall weiterführen“, ist Diakon Adler entschlossen.


Von: Stefanie Dörr

"Die Jungen und Mädchen aus den Biografie-Gruppen sind zu neuen Peergroups zusammengewachsen. Sie treffen sich seither regelmäßig, unterstützen sich und sind füreinander da", berichtet Diakon Thomas Adler. Foto: pixabay