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Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien

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20.07.2022

Vielfalt zulassen – Grenzen erkennen

Seit 2016 gibt es die sogenannten „Grenzgänger“ in Roth. Ein Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene, mit Lernschwierigkeiten und seelischem Unterstützungsbedarf. Die Außenwohngruppe bietet Platz für 14 junge Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Ziel der stationären Betreuung ist es mit den jungen Erwachsenen die vielfältigen Grenzen und Möglichkeiten auszuloten und diese zu überwinden oder auch akzeptieren.

Aktuell leben in der „Grenzgänger-Wohngruppe“ 14 Frauen und Männer, die einen Unterstützungsbedarf in seelischen und emotionalen Bereichen haben sowie eine Intelligenzminderung. Damit sind sie weder für die Arbeit in einer Werk- oder Förderstätte für Menschen mit einer Behinderung geeignet, noch können sie einer normalen Arbeit nachgehen oder eine Ausbildung absolvieren. „Oft schaffen es unsere Klient*innen morgens nicht einmal aufzustehen“, erklärt Nobert Seelig, Wohnbereichsleiter und Heilerziehungspfleger. Gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Babl, Sozialpädagoge im pädagogisch Erzieherischen Fachdienst, hat er die „Grenzgänger“ 2016 ins Leben gerufen. Hier finden Diejenigen einen Platz, die in ihrem Bedarf zwischen Jugendhilfe und Behindertenhilfe schweben und für die es bis dahin kein geeignetes Angebot gab.

Ansporn für die beiden Initiatoren war, sogenannte Systemsprenger zu verhindern. Also Menschen, die von einer Maßnahme in die nächste wandern und am Ende bedürftiger daraus hervorgehen, als sie hineingekommen sind. Einfach, weil das Angebot ihre Nöte, Ängste und Bedarfe nicht abdeckt.  „Zwei Jahre hat es gedauert, das Projekt auf die Beine zu stellen, weitere zwei um es zu etablieren,“ erzählt Babl. Heute, sechs Jahre später gibt es immer noch zu wenig vergleichbare Angebote: „Wir haben Anfragen aus ganz Deutschland und eine lange Warteliste“, so Babl.

„Unsere Bewohner*innen sind nicht nur psychisch beeinträchtigt, sondern haben zudem eine diagnostizierte Intelligenzminderung“, so Seelig. Damit sind sie weder für die Arbeit in einer Werk- oder Förderstätte für Menschen mit einer Behinderung geeignet, noch können sie einer normalen Arbeit nachgehen oder eine Ausbildung absolvieren.  „Oft schaffen es unsere Klient*innen morgens nicht einmal aufzustehen.“

Grenzen erkennen und Schwächen akzeptieren

Die jungen Menschen dürfen ihre Zeit bei den „Grenzgängern“ nutzen, um ihren eigenen Platz zu finden. „Wir unterstützen sie beim Ausprobieren, zeigen Möglichkeiten auf und begleiten Sie auf dem Selbstfindungsweg“, berichtet Babl. „Was kann ich, was kann ich nicht. Kann ich überhaupt einer normalen Beschäftigung nachgehen oder muss ich mich damit abfinden, dass ich niemals außerhalb eines geschützten Settings leben und arbeiten kann? Das sind Fragen, die wir mit unseren Klient*innen gemeinsam versuchen zu beantworten“, erklärt Seelig. Dabei ginge es oft auch darum, Erwartungshaltungen und Statuswünsche aufzubrechen. Eine intensive und vertrauensvolle Bindung zwischen Pädagoginnen und Bewohner*innen ist hier essenziell. Der Balanceakt zwischen dieser engen Bindung und professioneller Betreuung sei dabei nicht immer leicht, so die beiden Pädagogen.

Zwei Bezugsbetreuer für jede*n Bewohner*in

In der „Grenzgänger“-Wohngruppe gilt deshalb ein sehr viel höherer Personalschlüssel, als in anderen stationären Wohngruppen. Jede*r Bewohner*in hat zwei Bezugsbetreuer*innen, jede*r Mitarbeiter*in hat vier Klient*innen. „So können wir auf die vielfältigen aber dennoch alltäglichen Herausforderungen individuell und persönlich reagieren,“ so Seelig. Ob ein akuter psychischer Anfall, ein Suizidversuch, eine plötzliche Depression oder das Auftauchen der Polizei. „Wir leben mit der Störung,“ sagt Babl. Einen Tagesplan gibt es bei den Grenzgängern deshalb nicht. Es gibt Zeiten an denen sich Mitarbeitende und Bewohner*innen orientieren. Alles andere ist eine Frage des Moments. Krisen werden angenommen, gemeistert oder manchmal auch nur akzeptiert.

Die jungen Menschen in der Rother Wohngruppe leben in der Regel drei bis vier Jahre bei den Grenzgängern, maximal sind fünf Jahre möglich. Anschließend ziehen die meisten in eine ambulant betreute Wohngruppe, einige schaffen es sogar in die Selbstständigkeit und in manchmal gehen die jungen Erwachsenen weiter in eine stationäre Betreuung der Behindertenhilfe. Die persönliche Entwicklung der Klient*innen bestimmt, wie es weitergeht – in aller Vielfalt an Möglichkeiten und Grenzen.


Von: Stefanie Dörr

In der "Grenzgänger"-Außenwohngruppe leben junge Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren die Unterstützungsbedarf in seelischen und emotionalen Bereichen haben sowie eine Intelligenzminderung. Foto: ohurtsov